Presse

28. September 2018
Tages-Anzeiger


19.09.2018 
Zürich West

Schuhtheater kehrt mit Frauenpower zurück

Schuhe als Objekt der Bewunderung: Sabine Meisel und Placid Maissen in «Leben ist Schuh». Foto: gab.

Zum sechsten Mal wird der Herrenschuhladen von Placid Maissen an der Langstrasse zur Theaterbühne. Im neuen Stück «Leben ist Schuh» geht das einzige Schuhtheater der Schweiz neue Wege, hält aber auch an bisherigen Elementen fest. 

Gian-Andri Baumgartner

Von aussen wirkt das Geschäft von Placid Maissen nicht anders als die unzähligen übrigen Läden an der Langstrasse, durch das Schaufenster erkennt man grosse Stapel an Schuhen und Kartons, wie man es in einem Herrenschuhladen eben erwartet. Und doch, dieses Geschäft ist nicht wie jedes andere: Nach Ladenschluss wird es mit ein paar Handgriffen zum Theater.

Maissen ist Schuhhändler in der vierten Generation und hat nebenbei wegen seiner Leidenschaft für die Schauspielerei verschiedene Theaterkurse besucht. Es folgten Auftritte unter anderem im Turbine Theater in Langnau und im Theater Keller 62. Vor zehn Jahren hat Maissen mit dem sogenannten Schuhtheater einen Weg gefunden, die Arbeit im Schuhladen und die Schauspielerei zu verbinden. Von Anfang an mit dabei gewesen ist Hanspeter Allenspach, den Maissen in der Schauspielausbildung kennen gelernt hat. Allenspach führt auch in diesem Jahr wieder Regie. Nach früheren Ein- und Zweimann-stücken gehen die beiden in diesem Jahr neue Wege: «Wir wollten einmal ein Stück mit einer Frau machen, ein Beziehungsstück.» Die weibliche Unterstützung fanden sie in Sabine Meisel. Die Autorin («Der Tag wird langsam») und Schauspielerin ergänzt die zwei Männer zum ersten Dreipersonenstück des Schuhtheaters, bei dem alle drei auch am Drehbuch beteiligt waren.

Schuhe als Gäste

Das Stück handelt von Hildegard und Lambrosio, einem älteren Ehepaar, das in ihrem längst geschlossenen Schuhgeschäft wohnt. Aufgrund der Kündigung müssen sie dieses aber verlassen. Daraufhin stürzen sie in eine Existenzkrise, aus der sie nur einen Ausweg sehen: die Selbstvergiftung. Der Plan geht jedoch nicht auf, weil die beiden die Giftflasche nicht öffnen können. Dies nehmen sie aber mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis. So bleibt Zeit, um alle Schuhe der Welt zu einem letzten Fest einzuladen, an dem der verkannte Poet Lambrosio sein grosses Gedicht für die Menschheit vortragen will. Ab diesem Punkt wird das Element des Wahnsinns, welches auch in den vorherigen Produktionen des Schuhtheaters aufgetreten ist, zum zentralen Bestandteil des Stückes. Weiter spielen, wie der Name schon sagt, Schuhe und die Atmosphäre im Schuhladen eine grundlegende Rolle. «Für uns war es wichtig, dass wir auch unsere Haltung und die Umwelt in dieses Stück hineintransportieren», so Meisel. Dabei soll auch eine gewisse Selbstironie nicht zu kurz kommen.

Ein Theater für alle

Beim Gespräch mit Maissen spürt man, wie wichtig das Theater für ihn ist, spätestens dann, wenn er die Handlung des Theaters erzählt und dabei praktisch schon spielt. «Nach einem anstrengenden Arbeitstag gibt mir das Spielen immer wieder Energie», meint er. Auch bei Meisel erkennt man die Leidenschaft für die Schauspielerei. Ihr ist wichtig, dass sich das Theater vom etwas elitären Image lösen kann und für alle Bevöl-kerungsgruppen zugänglich wird. Dazu sollen der Standort des Theaters an der Langstrasse und die Tatsache, dass das Theater im schlichten Raum eines Schuhladens aufgeführt wird, beitragen. Zudem ist der Eintritt frei. Maissen fügt hinzu: «Es kommen einige Zuschauer, die sonst nie ins Theater gehen. Das ist schön.»

In den letzten Jahren ist das Theater gewachsen, die Zahl der Vorführungen hat zugenommen. Maissen freut sich über den Erfolg, der für seinen Schuhladen durchaus förderlich ist: «Der Effekt von Schuhwerbung mit Inseraten verpufft heutzutage relativ schnell. Das Theater aber ist speziell, es fällt auf und zieht daher Kunden an.» Selbstverständlich sei der wirtschaftliche Erfolg des Ladens nicht die Hauptmotivation für das Schuhtheater, diese sei vielmehr seine Leidenschaft für die Schauspielerei, aber über diesen schönen Nebeneffekt des Theaters wolle er sich natürlich nicht beklagen.

Mit «Leben ist Schuh» können sich die Zuschauer auf ein tragikomisches Stück in einem einzigartigen Rahmen freuen, das sich auf skurrile Art und Weise mit unterschiedlichen Facetten des menschlichen Lebens auseinandersetzt.

«Leben ist Schuh» von Sabine Meisel, Placid Maissen, Hanspeter Allenspach. Aufführungen: 26. September (Premiere), 29. September, 6., 13., 20. Oktober, 3., 10. November, 15. Dezember; 19., 26. Januar, 9., 16. Februar 2019 jeweils um 19.45 Uhr an der Kanzleistrasse 70. Eintritt frei/Kollekte. Platzzahl beschränkt, daher Anmeldung erwünscht unter Tel. 043 317 91 17 oder per Mail an p.maissen@bluewin.ch. www.schuhtheater.ch.